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Es ist soweit! Das athome-magazin hat nun auch eine elektronische Heimat. Unter www.athome-elektro.de findet ihr ab sofort alle aktuellen Ausgaben auch ganz ohne Papier. Wenn ihr was verpasst habt, könnt ihr es bestimmt im umfangreichen Archiv der Seite finden.



ich war noch nie in taliban!

»Wie heißt der Sänger von Metallica?« fragt mich ein Freund morgens am Telefon. Ich liege im Bett und antworte verschlafen: »James Hetfield.« - »Und warum schreibst du im Artikel dann Lars Ulrich?« Oh, das war peinlich, außerordenlich sogar.

 

(Text: Jan Drees, Foto: Pare) Seitdem berichte ich über Sven Väh, DJ Hell, Westbam und überlasse das Rockressort kompetenteren Kollegen. Eine persönliche Entscheidung, vielleicht aus Scham? Was ist das überhaupt, dieses widersprüchliche Gefühl nach harten, klaren Peinlichkeiten? Vielleicht lässt sich das Ganze ex negativo erläutern, also vom Gegenteil aus. Wir schämen uns gelegentlich, viel häufiger wollen wir jedoch beobachten, wie andere ins Fettnäpfchen treten. Warum sehen sich alle die Ratewissenssendung »Wer wird Millionär« an? Bildungshunger allein ist bestimmt keine Erklärung dafür. Museumsbesuche und Anna Karenina-Lektüre schließen Wissenslücken wahrscheinlicher. Aber über Picasso und Tolstoi kann man selten lästern. Wenn aber die Wurstfachverkäuferin aus Gelsenkirchen im Angesicht von Günther Jauch bei ihrer ersten Frage alle Joker verballert, weidet sich eine halbe Medien-Nation am Unwissen, an der Peinlichkeit dieser armen Frau. Genau deshalb übrigens sind auch TV-Total-Formate so erfolgreich. Schäm dich! schreien wir Lisa Loch ins Gesicht, schäm dich, dein Name ist peinlich! Stimmt diese Aussage? Ist Lisa Loch peinlicher als die Menschen, die über diese angebliche Peinlichkeit lachen, also wir? Verfehlungen werden nicht mehr aristokratisch angemessen übergangenen, sondern thematisiert. Der Dokumentarfilmer Michael Moore lässt jeden Menschen als Deppen zurück, nicht nur George Bush. Eine Statistik produziert regelmässig Listen der »peinlichsten Deutschen«. Wer es wissen möchte: Olli Kahn steht auf Platz 1, gefolgt von »Foffi« Ferfried von Hohenzollern nebst Freundin Tatjana Gsell, Dieter Bohlen (3), Roberto Blanco (4), Lothar Matthäus (5), Gunter Gabriel (6) und so weiter. Die NPD-Genossen sind peinlich, ebenso PDS-Abgeordnete, die sich nicht an Artikel 1 des Grundgesetzes erinnern. Wir sind gierig nach Bloßstellungen. Die Medien, unsere paneuropäische Welt, sind voll davon. »Das ist ein Modell der Ethik der Zukunft«, sagte der Philosoph Vilém Flusser 1991 in einem Interview, „sich seiner Begrenztheit bewusst zu werden und durch die Begrenztheit meiner Fähigkeiten dazu genötigt zu werden, andere anerkennen zu können.« Nun, Flussers Utopie hat sich bisher nicht erfüllt. Wir lechzen noch immer nach der Begrenztheit des anderen, stelllen diese bloß, stellen diese aus, stellen diese als Peinlichkeit hin. Die Harald Schmidt-Show war ein Sammelbecken provozierter Wissensnacktheit. Dort bekannte der junge Schauspieler Robert Stadtlober, noch nie in Taliban gewesen zu sein, sich darüber also kein Urteil bilden zu können. Und wie reagierte man auf diese Selbstbezichtigung - er gab sein Unwissen schließlich zu? Wir lachten, was sonst. Sängerin Sarah Connor behauptete in Schmidts‘ Studio 449 gar, Udo Jürgens verführe kleine Jungs. Sie wurde daraufhin sofort zurechtgewiesen, lief rot an, schämte sich, schämte sich zu Tode und zu Recht. Ein gefundenes Fressen für BILD, BAMS und die Jungs vom Fernsehen.

 

In den 60er Jahren war Bundespräsident Heinrich Lübke für etliche Peinlichkeiten gut. Bekannt und berühmt ist etwa seine Ansprache während eines Staatsbesuchs in Afrika. »Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger.« Tatsächlich gibt es keinen Beleg für dieses Zitat, wahrscheinlich ist es Lübke in den Mund gelegt worden. Dennoch, wir erinnern uns. Weil es so schön peinlich ist und Peinlichkeiten nun mal unsere Erinnerungswelt bestimmen. Andere Lübke-Verfehlungen allerdings sind archiviert. So bemerkte der deutsche Repräsentant nach einem Kanada-Besuch: »Die Rückreise war sehr anstrengend. Wir fuhr... wir flogen 19.30 Uhr gestern Abend ab und waren 9.30 Uhr hier. Das wür... würde bedeuten, dass wir also fünf Stunden länger unterwegs waren, als notwendig war, denn das, diese fünf Stunden ist eben die Umdrehung der, der Erde schuldig, verantwortlich dafür.« Ist Unwissen peinlich? Ist es peinlich, wenn im Germanistik-Seminar auf die Aufforderung »Nennen sie mir einen deutschen Nachkriegsautor« ausgerechnet »Heinrich Heine!« geantwortet wird? Wie geht man mit jenem Magisterprüfling um, der scherzhaft vom Dozenten angehalten wird, zu schätzen »Wer war eher da - Luther oder Bismarck?« und dann »Bismarck« sagt? Und wie verhandeln wir unsere eigenen Peinlichkeiten, unsere eigenen Verfehlungen? Artikel wie dieser sollen auf diese Frage aufmerksam machen. Es ist bewundernswert, dass unser schönes zweinullzwei-Magazin dem Thema eine Titelgeschichte widmet. Ähm, zweinullzwei?



Wenn du mehr zu dem Thema lesen willst, besorg dir das Heft im beatz und kekse, im 45rpm, in einer anderen Lokalität und schau auch unbedingt mal auf der athome-webseite vorbei.

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