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die geschichte des jazz

teil 6: mit dem thema blackness aus dem januar heft schließt sich der kreis der jazz geschichte. natürlich passiert permanent irgendwo neues oder interessantes, was den jazz ausmacht und bereichert. seit der fusion music gibt es jedoch nicht mehr einen roten, nachvollziehbaren faden, es gibt unendlich viele fäden und parallel schauplätze. und darum widme ich mich ab jetzt einzelnen styles und persönlichkeiten und berichte von deren jazzgeschichten. aus anlass der veröffentlichung meiner neuen maxi steht diesmal das sun ra arkestra im mittelpunkt der hipster's lounge.

 

sun ra ist mehr, als ein jazzmusiker, er ist auch mehr, als ein bandleader. er ist ohne übertreibung ein missionar, visionär und mythos. viele musiker, djs und jazzliebhaber berufen sich auf ihn, nennen ihn als inspirationsquelle, als vorbild oder als abgefahrenes tool ihrer plattenkisten. berühmteste beispiele sind george clinton, gilles peterson und jimi tenor.

 

sun ra war stets erneuerer der musik, gilt als einer der vorboten des synthesizers, denn schon in den frühen fünfzigern hat er den sound seines pianos elektronisch verfremdet und für damalige verhältnisse revolutionäre klang experimente vorgeführt. er war der erste jazz musiker, der den mini moog (eine urform des synthies mit kleiner tastatur und diversen reglern zur verfremdung des sounds) benutzte und bis dahin nie gehörte töne inszenierte.

 

er integrierte african drums in seine musik, lange, bevor dies standard wurde. und, er nannte seine band nicht einfach band oder orchestra, sondern arkestra – ark bedeutet arche. desweiteren ist das sun ra arkestra berühmt und berüchtigt für seine kostüme, für gewänder, anzüge und kopfbedeckungen, die in der phantasy welt, in der science fiction und vielleicht bei schwarzen gospel predigern anzusiedeln sind. zu guter letzt sind die texte und titel seiner platten zitate eines futurismus, der eng im zusammenhang mit dem universum steht. konzerte des arkestra sind rare, mitreißende happenings, weit mehr, als reine musik performances.

 

auf angeblich mehr, als 500 veröffentlichten platten (darunter unzählige live mittschnitte) finden sich immer neue variationen von wortschöpfungen, die er sowohl der ägyptischen mythologie, als auch der astronomie entliehen hat: intergalactic arkestra, space infinity arkestra, ultra omniverse arkestra, etc. seine platten trugen titel wie concert for the comet kohoutek, sun ra came down to the earth, we travel the spaceways, etc. die bekannteste veröffentlichung war das album disco 3000 von 1974, mit seinem wohl berühmtesten song space is the place.

 

all das steht nicht parallel für sich, ist nicht einfach ausdruck für einen kreativen, ab- gefahreren geist, es steht in einem engen und durchaus logischen zusammenhang.



sun ra ist die musikalische verkörperung des afro futurismus. für ihn sind afro amerikaner heimatlose aliens, die irgendwo im universum ihre freiheit und bestimmung finden werden. seine musik erzählt von virtuellen trips zu verschiedenen planeten und galaxien.

 

sun ra`s earth base ist ein haus in philadelphia. eine art kommune, in dem die meisten seiner musiker leben, in dem sie ihr studio haben und von dem aus sie einen lebensmittelladen betreiben. zum einen, um wirtschaftlich von der musik unabhängig zu sein, zum anderen als treffpunkt für jene, die teilhaben wollen am leben und an der philosophie des arkestra. die nortont street als social club und als arche.

 

mitglieder seiner band, wie der saxofonist john gilmore, hatten viele angebote, in anderen bands zu spielen und damit verbunden weitaus mehr geld zu verdienen. er lehnte ab, denn er sagte, was er bei sun ra lernt und erlebt, ist so groß und außergewöhnlich, nicht aufzuwiegen mit persönlichem erfolg und geld. auch june tyson, die lead sängerin des arkestra, hätte mehr berühmtheit erlangen können, wenn sie eigene wege gegangen wäre. auch sie blieb – bis zum schluss. als sun ra mitte der neunziger abschied von der erde nahm, dauerte es lediglich ein halbes jahr, bis john gilmore starb. weitere drei monate später folgte ihnen june tyson ins universum. das mag zufall sein, eine ganz „normale“, menschliche tragödie. vielleicht steckt aber auch mehr dahinter. wer will das schon wissen?! in seinem testament verfügte sun ra, dass sowohl das haus und der lebensmittelladen, aber vor allem die rechte an der musik den mitgliedern des arkestra überschrieben wurden. das zeugt von dankbarkeit und respekt denen gegenüber, die zum erfolg seiner arbeit beitrugen.

 

das arkestra ist nach wie vor aktiv, spielt weltweit konzerte, veröffentlicht neue alben und verkündet sun ra`s einzigartige mission. neben all dem free jazz und der schrägen improvisationen vermittelt sich durch sun ra`s musik bis heute vor allem eines: easyness. das sun ra arkestra macht einem den einstieg in außergewöhnliche hörerlebnisse leicht und hinterläßt nachhaltige spuren, versprochen!

 

zwei alben möchte ich euch empfehlen: live at the pyramids in zusammenarbeit mit dem egypt radio orchestra. das konzert fand 1973 open air vor einer der berühmten ägyptischen pyramiden statt - umwerfend. nuclear war ist ein studio album von 1982, auf dem das arkestra sehr modern, teilweise „poppig“ zu werke geht - skurriler humor und reihenweise ohrwürmer. danach seid ihr reif für einen unendlichen kosmos abgefahrener musik. space is the place.

 

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